Werbefeldzug im Klassenzimmer

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Nachwuchswerbung und Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr an Schulen

Michael Schulze von Glaßer

Die deutsche Armee hat zwei grundlegende Probleme. Das erste Problem betrifft das Personal: im Jahr 2009 hätte die Bundeswehr 23.700 neue Soldatinnen und Soldaten einstellen müssen.[1] Mit 21.784 wurde die angestrebte Zahl allerdings unterschritten – in den Vorjahren wurde sie jeweils eingehalten. 14.000 Stellen konnten 2009 mit externen Bewerbern besetzt und knapp 7.800 Soldaten durch Binnenwerbung gewonnen werden – beispielsweise aus dem Pool der Wehrdienstleistenden. Mit der Aussetzung – also dem faktischen Wegfall – der Wehrpflicht in Deutschland im Sommer 2011 wird die Bundeswehr neue Bewerber sogar vollends aus der zivilen Öffentlichkeit rekrutieren müssen. Das zweite Problem betrifft die Akzeptanz von Auslandseinsätzen in der deutschen Bevölkerung: in einer Umfrage des anerkannten Meinungsforschungsinstituts Allensbach im Auftrag der konservativen Tageszeitung Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom Mai 2010 wird nicht nur eine massive Ablehnung des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr von 65 Prozent der Befragten sondern auch die allgemeine Ablehnung von Auslandsinterventionen der Bundeswehr durch die Bevölkerung festgestellt.[2]

Jugendoffiziere, junge Männer und Frauen mit langjähriger militärischer Erfahrung bilden die Speerspitze des Militärs bei der Beeinflussung junger Menschen in Schulen. Bereits 1958 – nur drei Jahre nach Gründung der Bundeswehr – wurde die Einheit ins Leben gerufen und hatte schon damals die Funktion die Bevölkerung vom Sinn und Zweck der deutschen Armee zu überzeugen. Heute gibt es bundesweit etwa 94 hauptamtlich und 300 nebenamtliche Jugendoffiziere, die an der Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation (AIK bzw. AkBwInfoKom; früher: Amt für psychologische Kriegsführung) in Strausberg nahe Berlin ausgebildet werden. 7.245 Veranstaltungen mit 182.522 Teilnehmern – davon mindestens 160.000 Schülern – führten die Jugendoffiziere 2009 durch.[3] Oft referieren die sehr jung und „cool“ wirkenden Jugendoffiziere vor Schulklassen über Themen wie „Soldaten als Staatsbürger in Uniform“ oder „Auslandseinsätze der Bundeswehr“, diskutieren über den Afghanistan-Einsatz der deutschen Armee oder spielen mit den jungen Leuten die mehrtätige Simulation „Politik & internationale Sicherheit“ (kurz POL&IS). Das rundenbasierte Planspiel gilt bei Lehrkräften als hochattraktiv und begeisterte allein 2009 in mehr als 365 Simulationen rund 16.120 Schüler mit ihren Lehrern sowie Studenten und Referendare.[4] Dabei soll den Schülern vermittelt werden, dass Militär ein normales Mittel der Politik und militärisches Eingreifen oft unabdingbar sei. Immer wieder betonen Jugendoffiziere bei Diskussionen, keine Nachwuchswerber zu sein – sie würden nur über Sicherheitspolitik und die Bundeswehr informieren. Dies ist zwar höchst fraglich da es für junge Leute natürlich ein erster Schritt zum Soldatenberuf ist überhaupt erstmal vom Sinn der Armee und ihren Einsätzen überzeugt zu sein, oft ist die Bundeswehr aber auch direkt mit Wehrdienstberatern an Schulen aktiv: bei rund 12.600 Wehrdienstberatungs-Veranstaltungen wurden 2009 mehr als 280.000 Schülerinnen und Schüler erreicht.[5]

Seit 2008 gibt es mittlerweile in acht der sechzehn deutschen Bundesländer Kooperationsabkommen zwischen dem jeweiligen Landesschulministerium und der Bundeswehr (NRW, Oktober 2008; Saarland, März 2009; Baden-Württemberg, Dezember 2009; Rheinland-Pfalz, Februar 2010; Bayern, Juni 2010; Mecklenburg-Vorpommern, Juli 2010; Hessen, November 2010; Sachsen, Dezember 2010). Jugendoffiziere sollen im „schulischen Kontext Schülerinnen und Schüler über die zur Friedenssicherung möglichen und/oder notwendigen Instrumente der Politik“ informieren, heißt es in den Vereinbarungen.[6] Es ist bekannt, dass Regierung und Bundeswehr auch militärische Interventionen – wie im Falle des Jugoslawien-Krieges sogar am Rande oder gar außerhalb des Völkerrechts – als ein notwendiges Instrument der Politik erachten. „Dabei werden“, so steht es in den Kooperationsabkommen weiter, „Informationen zur globalen Konfliktverhütung und Krisenbewältigung genauso wie Informationen zu nationalen Interessen einzubeziehen sein.“ Das nationale Interesse Deutschlands umfasst, laut aktuellem strategischen Konzept der Bundeswehr auch die Sicherung von Rohstoffen für die deutsche Wirtschaft mit militärischen Zwecken.

Auch Unterrichtsmaterialien gibt die Bundeswehr bzw. das Bundesministerium der Verteidigung heraus. Offiziell werden Schüler- und Lehrerhefte mit dem Titel „Frieden & Sicherheit“ von der „Arbeitsgemeinschaft Jugend & Bildung e.V.“ erstellt. Diese Arbeitsgemeinschaft entpuppt sich bei näherer Betrachtung als neoliberaler Think-Tank und gehört zur Hälfte der neoliberalen deutschen Regierungspartei FDP. Pädagogisch sind die Hochglanz-Hefte nicht schlecht gemacht: die Artikel im Heft sind keine platten Plädoyers für weltweite Militärmissionen sondern sollen vor allem vermitteln, dass die Bundeswehr ein humanitärer Helfer sei – von Krieg keine Spur. Die im aktuellen 32-seitigen Schülerheft 2009/2010 aufgelisteten Aufgaben, die von den jungen Leuten beantworten werden sollen, lenken die Gedanken der Schüler gezielt in die gewünschte Richtung: Alternativen zum militärischen Eingreifen scheint es nicht zu geben. 2007 sind von den Schulen mehr als 325.000 Schüler- und über 16.000 Lehrerhefte für den Unterricht bestellt worden.[7] Finanziert werden die Unterrichtsmaterialien von der Bundesregierung: 330.000 Euro gab die Regierung 2008/2009 zur Erstellung eines neuen „Frieden & Sicherheit“-Heftes für Schüler und Lehrer aus.[8]

Auch über Medien versucht sich die Bundeswehr in den Köpfen junger Menschen zu verankern. Mehrmals im Jahr organisiert sie Jugendpressekongresse für junge Schülerzeitungsredakteure. Dabei sollen die Schüler Artikel über ihren Besuch bei der Bundeswehr verfassen, die dann in den Schülerzeitungen abgedruckt werden. Der Sanitätsdienst der Bundeswehr schrieb im Dezember 2010 sehr offen über Sinn und Zweck eines dortigen Jugendpressekongresses: „Für beide Seiten war die Veranstaltung eine Win-Win-Situation. Die Schüler hatten die Möglichkeit, sich journalistisch weiterzubilden und die Bundeswehr erhält Produkte für ihre Nachwuchswerbung - gemacht von jungen Leuten für junge Leute.“[9] Auch mit Werbeanzeigen in großen kommerziellen Schülerzeitungen – teilweise mit einer Auflage von einer Million Exemplaren – versucht die Bundeswehr neuen Nachwuchs für sich zu gewinnen.

In den letzten Jahren sind die Kosten für die Nachwuchswerbung der Bundeswehr massiv gestiegen. Gab die Regierung 1998 noch 9,2 Millionen Euro aus, waren es 2010 sogar 27 Millionen Euro.[10] Und dabei werden viele Kosten erst gar nicht erfasst. Mit dem Wegfall der Wehrpflicht wird die Armee-Werbung in der Öffentlichkeit weiter zunehmen, da der Nachwuchs nun vollkommen außerhalb der Kasernenmauern gefunden werden muss.[11] Und wenn die jungen Leute dann doch nicht dazu bewegt werden konnten selbst die Waffe in die Hand zu nehmen so sollen sie wenigstens vom Sinn militärischer Interventionen überzeugt werden: Militärführung und Regierung möchten die Bundeswehr zu einem weltweit operierenden Akteur machen und bemühen sich dafür langfristig um eine stabile politische Basis in der Bevölkerung. Sie konzentrieren sich bei ihrer Agitation daher auf (noch leicht zu überzeugende) junge Menschen – die Wählerinnen und Wähler von morgen. Und Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) weiß, wo er die jungen Menschen findet: „Die Schule ist der richtige Ort, an dem wir junge Menschen erreichen.“[12]

Michael Schulze von Glaßer (*1986) ist freier Journalist, Beirat der Informationsstelle Militarisierung e.V. und veröffentlichte im Oktober 2010 das Buch „An der Heimatfront – Öffentlichkeitsarbeit und Nachwuchswerbung der Bundeswehr“.

Quellen

[1] Bundestags-Drucksache 17/900.
[2] Petersen, Thomas: Allensbach-Umfrage – Wird Deutschland am Hindukusch verteidigt?, in: www.faz.net, 26. Mai 2010 – letzter Zugriff am 26. Mai 2010.
[3] Schnittker: Jahresbericht der Jugendoffiziere der Bundeswehr 2009, Berlin 2010, Seite 4.
[4] Schnittker: Jahresbericht der Jugendoffiziere der Bundeswehr 2009, Seite 4.
[5] Ebenda
[6] Mit Ausnahme der Kooperationsabkommen zwischen den Kultusministerien in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen sind die Abkommen im Wortlaut fast vollkommen identisch. In den beiden ostdeutschen Bundesländern sind die Abkommen um weitere Punkte ergänzt – inhaltlich sind alle bisher abgeschlossenen Kooperationsabkommen gleich.
[7] Ebenda.
[8] Bundestags-Drucksache 16/8852.
[9] Henning, Uwe: Jugendpressekongress 2010 – Journalismus zum anfassen, in: www.sanitaetsdienst-bundeswehr.de, 12. Dezember 2010 – letzter Zugriff am 13. Januar 2011.
[10] N. N.: IMI-Fact-Sheet: Bundeswehr und Schule, in: www.imi-online.de, Mai 2010 – letzter Zugriff am 2. Juni 2010.
[11] Vgl. Schulze von Glaßer, Michael: An der Heimatfront – Öffentlichkeitsarbeit und Nachwuchswerbung der Bundeswehr, Köln 2010.
[12] Meyer, Simone: Guttenberg will Bundeswehr nicht mit dem Rasenmäher verkleiner, in: Berliner Morgenpost, 29. Oktober 2010.

http://www.wri-irg.org/de/node/14525

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